Bootsscheiben erneuern – Acrylglas oder Polycarbonat – Das ist hier die Frage?!

21 Mai

Ihr spielt mit dem Gedanken die Scheiben in Eurem Boot auszutauschen?

Dann werdet Ihr unweigerlich an dem Punkt landen, an dem Ihr euch die Frage stellt: „Ist Acrylglas oder Polycarbonat die bessere Wahl für mein Projekt?“

Gleich vorweg, diese Entscheidung ist nicht einfach und nicht pauschal zu beantworten. Ich habe sehr intensive Recherchearbeit betrieben und möchte daher in diesem Beitrag meine Ergebnisse und ein paar Tipps für Euch zusammenfassen.

Zu Beginn möchte ich zunächst auf die Begrifflichkeiten eingehen, denn hier fängt die Problematik schon an. In vielen Foren und sogar Fachartikeln ist oft die Rede von „Plexiglas“ oder „Makrolon“ und die meisten wissen nicht, dass es sich bei diesen beiden Bezeichnungen lediglich um eingetragene Markennamen handelt. Ich vergleiche es gerne mit den Taschentüchern, die umgangssprachlich „Tempo“ genannt werden, oder Haushaltsrollen, zu denen viele „Zewa“ sagen. Hinter dem Markennamen „Plexiglas“ verbirgt sich das Material Acrylglas und hinter „Makrolon“ das Material Polycarbonat. Diese beiden Materialien haben grundlegend unterschiedliche Eigenschaften, die jeweils Vor- und Nachteile mit sich bringen. Dazu möchte ich zunächst einen Vergleich aufstellen.

 

Acrylglas – Oft auch Plexiglas (Markenname) genannt:

 

Pro:

  • Relativ unempfindlich gegen Kratzer
  • Schöne, klare Scheibe (bessere Durchsicht)
  • UV stabiler als UV-Vergütetes PC
  • Vergilbt nicht so schnell

Contra

  • Nicht kalt verformbar / biegbar
  • Schwerer zu verarbeiten
  • Reißt bzw. splittert schnell
  • Nicht bruchsicher

 

Polycarbonat – Oft auch Makrolon/Macrolon genannt:

 

Pro:

  • Absolut bruch- und schlagfest
  • Kalt verformbar
  • Leicht zu verarbeiten (reißt nicht so schnell ein)

Contra:

  • Relativ empfindlich gegen Kratzer (es gibt zwar kratzunempfindliches, dieses ist aber lt. Datenblatt nicht UV stabil)
  • Wird schneller milchig

 

Wenn Ihr euch die Gegenüberstellung anschaut, werdet ihr schnell feststellen, dass es nicht das „ideale“ Material für Euer Projekt gibt. Einen Tod werdet Ihr immer sterben müssen und es gilt nun herauszufinden, welche Eigenschaften für euch maßgeblich und letztendlich entscheidend sind.

Es gibt ebenso viele Befürworter von Polycarbonat, wie es auch Fans von Acrylglas gibt. Und das ist nachvollziehbar, denn je nach Einsatzgebiet hat jedes der beiden Materialien seine Daseinsberechtigung und entsprechenden Stärken.

1. Beispiel:

Ihr wollt die Scheiben eines Segelbootes ersetzen, welches auch bei rauer See bewegt wird und bei dem durchaus mal die ein oder andere Welle über das Deck rollen könnte. Hier ist mit Sicherheit Polycarbonat die bessere Wahl, da es bruchsicher ist und ab einer gewissen Materialstärke sogar schusssicher. Bei einer fachgerechten Montage müsst Ihr euch also keine Sorgen machen, dass eine Wasserwand das Glas zum zerbersten bringt und euer Boot geflutet wird.

2. Beispiel:

Ihr wollt die Frontscheibe im Ruderhaus eures Kajütbootes austauschen, an der selbstverständlich auch Scheibenwischer montiert sind. Hier wiederum ist meiner Meinung nach gehärtetes Acrylglas die bessere Wahl, da es zum einen unempfindlicher gegen Kratzer ist und zum anderen einen deutlich klareren Durchblick ermöglicht, ähnlich einer echten Glasscheibe.

Wie Ihr seht, muss man je nach Anwendungszweck seine Anforderungen kennen und dementsprechend eine Entscheidung treffen. Der Preis ist für beide Materialien etwa gleich. Viele behaupten zwar, Polycarbonat sei teurer als Acrylglas, diese Ansicht teile ich jedoch nach meinen Angebotsanfragen nicht mehr. Vor einer Beschaffung lohnt es sich auf jeden Fall mehrere Angebote einzuholen. Bei meiner Bestellung lagen die Angebote bei gleichem Material und gleichen Zuschnitten zwischen 200€ und 300€!

Grundsätzlich solltet Ihr aber auf die Qualität achten und nicht bei dem günstigsten „No-Name-Angebot“ zuschlagen. Bei Acrylglas scheint das „Plexiglas GS“ von Evonik sehr gut geeignet zu sein (gegossen, UV stabil und harte Oberfläche). Bei Polycarbonat sind z.B. Lexan oder Macrolon (beidseitig UV-Vergütet) eine gute Wahl. Ich möchte hier keine Werbung machen und sicherlich gibt es neben den vorgenannten Marken auch noch andere gute Anbieter am Markt.

Bei meinem Projekt kam noch das Thema „Getönte Scheiben“ ins Spiel, was die Sache nicht einfacher gemacht hat. Grundsätzlich hatte ich mich schon entschieden auf Polycarbonat zu setzen, bis ich feststellen musste, dass dieses Material nur in einer leicht braunen Tönung verfügbar ist. Also musste ich meine Entscheidung wieder verwerfen und weiter suchen. Die Scheiben meiner Kajüte sollten möglichst dunkel, schwarz oder grau getönt sein, um einen Blickschutz im Hafen zu gewährleisten. Die Scheiben am Steuerstand jedoch sollten klar sein und aufgrund der leichten Biegung meiner Scheibenrahmen entsprechend flexibel.

Fazit:

Ich werde den Selbstversuch wagen und beide Materialien verbauen. Das einzige Material welches ich in einer dunklen Tönung finden konnte, ist „Plexiglas GS“ von Evonik, mit der Bezeichnung „7C83“ und einer Transmission (Lichtdurchlässigkeit) von 21%. Für die Scheiben am Steuerstand werde ich auf Polycarbonat setzen. Zwar ist es empfindlicher gegen Kratzern, jedoch würde Acrylglas aufgrund der Wölbung hier vermutlich recht schnell rissig werden oder sogar schon bei der Montage reißen. Vorerst werde ich auf die Montage meines Scheibenwischers verzichten und schauen ob ich ganz ohne, oder evtl. mit einer Nanoversiegelung zurecht komme.

 

Ich hoffe Euch hilft dieser Beitrag bei Euren Projekten weiter und würde mich über Feedback via Kommentar freuen 🙂

In einem weiteren Beitrag werde ich den Zuschnitt und die Montage der Fenster beschreiben, dazu später mehr…